Anna Riess x Tittitasse X Anna Riess x Tittitasse X Anna Riess x Tittitasse X Anna Riess x Tittitasse X Anna Riess x Tittitasse X Anna Riess x Tittitasse X Anna Riess x Tittitasse X Anna Riess x Tittitasse X

„Die Vernippelung des Alltags“

Von Hand geformte Gesellschaftskritik. Die Künstlerin Anna Riess fängt in ihren Objekten aus Ton und anderen Materialien ein, was ihr als Mutter und Frau in der Gesellschaft widerfährt. Zu ihren bekanntesten Werken zählen die „Tittitassen”, handgeformte Objekte mit Nippeln bestückt. Commonground hat sich mit Anna Riess in ihrem Wiener Studio über Frauenbilder, Gesellschaftsnormen und Radikalität unterhalten.

Was im Großen nicht funktioniert, muss man im Kleinen machen. So das Motto der Künstlerin Anna Riess, die mit ihren Werken jene Themen aufgreift, die in der Gesellschaft wenig Gehör finden. Geht man nach der Autorin Mareice Kaiser, kann das schon dem Begriff der Radikalität zugeordnet werden. Kaiser schreibt in ihrem neuen Buch „Das Unwohlsein der modernen Mutter“, dass radikal bereits bedeutet, etwas anzusprechen, worüber niemand redet. „Ich will jetzt nicht sagen, dass ich aus einer politischen Motivation heraus Künstlerin geworden bin“, sagt Anna Riess, „aber ich finde es erstrebenswert, dass wir als Individuen gleich behandelt werden. Und ich sehe, dass wir das nicht werden, deshalb sind das die Themen, an denen ich mich abarbeite.“

Die studierte Kulturanthropologin setzte sich schon früh mit Ungleichheiten und soziokulturellen Missständen auseinander. Ihre Diplomarbeit trägt den Titel „Entwicklungen gegenwärtiger Erfolgskulturen: Über den Umgang mit dem Scheitern als gesellschaftlicher Mehrwert“. Die rein geisteswissenschaftliche Auseinandersetzung wurde ihr allerdings zu wenig. Riess machte ein dreijähriges Studium in Jewellery Design, das sie mit ihrem Diplom „Fett und Falten. Eine körperliche Arbeit“ abschloss. Dort begann der Werkstoff Ton interessant zu werden und der Wunsch nach großformatigen Skulpturen. Sie wollte ohne Einschränkungen Künstlerin und Mutter sein. Wobei die Schwangerschaft und die Geburt ihrer Tochter die Initialzündung für ihr weiteres Schaffen war.

Scheinbar kleine Erlebnisse brachten sie an ihre Grenzen. Zum Beispiel als sie mit dem Neugeborenen in der U-Bahn saß, es stillte und sich dermaßen unwohl dabei fühlte, dass sie aussteigen musste. Diese Situationen im Alltag versucht Anna in ihren Werken abzubilden.

„Das Stillen war für mich eine körperliche Metamorphose, die mich unglaublich beschäftigt hat. Daraufhin habe ich angefangen, Busen aus Ton zu formen“, erzählt Anna Riess. Eines der ersten Nippel-Werke, war ein sogenannter „Boobplanter“, ein Objekt für Pflanzen. „Ich habe immer öfter probiert, den weiblichen Körper über Keramik in Form zu bringen.“ Dadurch soll er die Aufmerksamkeit bekommen, die er verdient hat. Immerhin erbringt der Körper einer Frau, gerade als Mutter, eine unglaubliche Leistung, die es wert ist, honoriert zu werden.

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„Ich finde es wichtig, dass wir als Menschen Verletzlichkeit zulassen, sie auch zeigen und uns darüber austauschen.“

Eine andere Arbeit von Riess ist eine Art Gürtel, für den sie die Form ihres Bauches in Aluminium abgegossen hat. Dieser „Belly bacon“ soll das Bauchgefühl, die Intuition (als Mutter) schützen. Gerade wenn Frau schwanger ist, wird man mit Meinungen und Halbwahrheiten bombardiert, die es einem erschweren, sich einfach auf sich selbst und seine Intuition zu verlassen. „Alles, was ich als Mutter gefühlt habe, hat dann auch so gepasst, war richtig. Aber dieses Bauchgefühl wird einem in unserer Gesellschaft abtrainiert“, kritisiert Anna. Eine Anspielung auf unser Bildungssystem. Eine unglaublich veraltete Einrichtung, die von seinen Statist:innen und eingefahrenen Abläufen erhalten wird. Alles zielt auf Leistung ab, ein weiteres Thema, das die gebürtige Grazerin beschäftigt.

„Ich finde es wichtig, dass wir als Menschen Verletzlichkeit zulassen, sie auch zeigen und uns darüber austauschen.“ Das wollte sie schon mit ihrer Diplomarbeit zum Thema  Scheitern als gesellschaftlicher Mehrwert abhandeln. Einfach, weil ihr das neoliberale System widerstrebt. Es zieht sich durch alle Ebenen unserer Gesellschaft. Und dagegen heißt es anzukämpfen. „Ich glaube, es geht vielen so, aber man will sich halt nicht allein nackig zeigen. Mich kostet es auch Überwindung, über meine Mängel zu sprechen, trotzdem mache ich es ganz bewusst. Damit es irgendwann normal wird.“

Das positive Scheitern bringt Anna auch in ihren Arbeiten zum Ausdruck. Für ihren selbst gefertigten Schmuck verwendet sie nicht perfekt gewachsene, echte Perlen und sägt Silber in bewusst abstrakte Formen. Der Reiz und die Schönheit liegen für Riess im nicht Idealen, im Mangel, im Aussortierten. Was ist Schönheit überhaupt? Die Definition ist so individuell wie jedes der Kunstwerke von Anna Riess. Und in weiterer Folge auch wie jeder Mensch und sein Körper.

„Wir müssen aufhören, die Körper anderer zu kommentieren. Egal, ob männlich, weiblich oder wie man sich als Person identifiziert. Das ist ein No-Go”, sagt Anna Riess und erzählt von ihren Erfahrungen des Skinny Shamings. Sie hat während des Stillens abgenommen, weshalb ihr Körper kommentiert und bewertet wurde. Das Ergebnis ihrer Erfahrungen war eine silberne Brosche mit einem Silikon Implantat. Sie bekam den Namen „Boob brooch“ und wurde 2018 mit einem Sonderpreis ausgezeichnet und im MAK ausgestellt. Die funktionale Skulptur kann als Sinnbild für Unterstützung im Kollektiv gelesen werden, eine Thematik, die sich immer wieder in ihren Werken findet.

„Wir müssen aufhören, die Körper anderer zu kommentieren. Egal, ob männlich, weiblich oder wie man sich als Person identifiziert. Das ist ein No-Go.“

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Unterstützung erfährt Anna Riess auch von ihrem Lebenspartner. Ohne ihn wäre die Erziehung der gemeinsamen Tochter und das künstlerische Schaffen kaum unter einen Hut zu bringen. Eine klare fünfzig-fünfzig Aufgabenverteilung ist für sie selbstverständlich. Aber das muss Frau sich auch erkämpfen, gerade, wenn ihr Job noch nicht so ergiebig ist wie der des Mannes.

Reproduktionsarbeit, Care- und Hausarbeit müssen entlohnt werden. „Es gibt zu wenige Gesetze, die bestimmen, dass Männer genauso viel in der Erziehung übernehmen, wie Frauen. Anders gesagt, es muss der Gender-Pay-Gap endlich abgeschafft werden, so kann ein Kind von beiden Elternteilen betreut werden. Ansonsten bringt es ständig Konfliktpotenzial in eine Partnerschaft“, sagt Anna. Es ist verständlich, dass sich Frauen das nicht mehr gefallen lassen und als Konsequenz lieber alleinerziehend leben wollen.

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Es sind die leise umstrittenen Themen in unserer Gesellschaft, denen Anna Riess mit ihrer Kunst Gehör verschaffen möchte. Der Irrglaube, Feminismus würde nur Frauen Vorteile bieten, muss aufhören. Wir brauchen Männer die sehen, dass es wichtig ist, Frauen eine Bühne zu geben, für sie einzuspringen und sie zu bestärken. Als Beispiel für die Unterstützung unter Frauen, erzählt Anna von der Zusammenarbeit mit Sophia Süßmilch. „Für ihre Solo-Ausstellung brauchte die Künstlerin große Vasen, und ich schlug vor, sie für sie zu fertigen. Über Instagram haben wir in Kürze ein Atelier in Berlin namens Villa Vulva gefunden, wo man mir, ohne mich zu kennen, den Schlüssel überließ. Es hat super funktioniert, und die bemalten Objekte sind momentan in der Galerie Russi Klenner in Kreuzberg ausgestellt.  Dieses Vertrauen und gegenseitige Fördern ist für mich Feminismus im Kleinen.“ Anna Riess versucht es jeden Tag: im Kleinen leben, was im Großen noch nicht funktioniert.

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Feature

Anna Riess

Anna Riess.com

Text: Lauren Seywald

Fotos: Patricia Weisskirchner

Juli 2021