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Ich bin nicht so schön wie du.

Rund die Hälfte dessen, was Menschen als schön empfinden, ist individuell, das belegt die Wissenschaft. Ganz individuell betrachtet, finden wir bei uns selbst gefühlt nur halb so viel schön, wie bei anderen. Ein Essay über durchschnittliche Ideale und Schönheit als Selbstzweck. Von Lisa Hollogschwandtner.

Es fällt mir schwer über Schönheit zu schreiben. Das merke ich, weil ich den ersten Satz dieses Textes gefühlt schon 150-mal geschrieben habe – immer neu; und immer wieder gelöscht. Klang nicht schön genug.

What I Weigh (Nikita Gill)

I weigh the sea

I weigh the strom

I weigh a thousand stories long.

I weigh my mother’s fortitude and my father’s eyes

I weigh the way they look at me with pride

I weigh strength and fearless and the warrior in me.

I weigh all the pain and trauma that made me see

that I have more galaxies inside me than tragedies.

We all weigh joys and darkness and goodness and sin

you see, we are infinite within this skin we are in.

So, when they ask you what you weigh

you don’t need to look down at any scale.

Instead, simply tell them the truth,

tell them how you

weigh whole universes

and storms and scars and stories too.

Laut Journalisten-Einmaleins beginnt man in Situationen dieser Art mit den Basics. Der Duden definiert „schön“ als „von einem Aussehen, das so anziehend auf jemanden wirkt, dass es als wohlgefällig, bewundernswert empfunden wird“. Das ist zunächst einmal sehr subjektiv, woraufhin sich mir direkt die nächste Frage aufdrängt: Gibt es so etwas wie universelle Schönheit? Oder ist Schönheit immer persönlich?

Im Nachdenken darüber lohnt sich die Auseinandersetzung mit dem Philosophen Immanuel Kant. Laut ihm ist Schönheit keine objektive Eigenschaft der Dinge, sondern lediglich die Art und Weise, wie uns Dinge erscheinen. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass alles, was uns gefällt, auch schön ist. Das „Wohlgefallen“, so Kant, müsse „interesselos“ sein. Soll heißen: Finden wir eine Person „schön“, weil wir sie anziehend finden, so hat die Schönheit den Zweck, Interesse zu wecken. Bei Kant ist Schönheit allerdings eine „Zweckmäßigkeit ohne Zweck“ – wahrlich schönen Dingen möchte man nichts hinzufügen noch wegnehmen, Schönheit wird zum Selbstzweck.

Wenn es um Schönheitseinschätzungen geht, dann bedarf es also keiner Urteilsbegründung. Das ist noch heute so. Wir entscheiden einfach, was schön ist. Und wie so oft geht es auch in diesem Diskurs um Identifikation und Unterscheidung, um Zugehörigkeit und Differenz, um ab- und damit auch ausgrenzen. Vor dem Hintergrund mangelnder Begründungen bedeutet ein Konsens über Schönheit nur, das als schön zu postulieren, worauf sich die Mehrheit einigen kann. Damit ist ein Ideal nicht mehr als ein Durchschnitt.

In diesem Sinne „durchschnittlich“ zu sein, ist dennoch erstrebenswert – denn Normschönheit ist die Basis für zahlreiche Privilegien. In einer Welt, in der wir dafür kämpfen, endlich alle gleich zu sein, sind jene, die dem Ideal entsprechen, doch immer noch etwas gleicher. Das belegt auch die sozialpsychologische Empirie. Normschöne Menschen werden schneller in Gruppen akzeptiert, werden besser bewertet, haben also bessere Noten. In der Phase der Ausbildung haben Frauen* damit einen Vorteil, im späteren Berufsleben gilt dann: männlich > schön. Wer zu keiner der beiden Gruppen gehört, hat es denkbar schwerer. Auch wo kollektiv die Überlegenheit der inneren Werte gepredigt wird, muss häufig eingesehen werden, dass letztlich die äußeren zählen. Viele Bereiche der Schönheit bieten für Frauen* mit größerer Konfektionsgröße, mit Behinderungen oder höheren Alters nach wie vor keinen Platz.

Wer die bis dato besprochenen Mechanismen versteht, versteht auch, wieso der Schönheit so viel daran liegt, ihr makelloses Bild zu wahren. Und dennoch bröckelt es zunehmend. In einer Welt, in der die Stimmen nach Inklusion immer lauter werden, kann es sich auch die Schönheitsdefinition immer weniger leisten, sich vor einem Wandel zu verschließen und weiter nur willkommen zu heißen, was aktuell als normschön gilt. Das bedeutet nicht, dass das Verständnis von Schönheit derart erweitert werden soll, dass sie bedeutungslos wird. Aber es bedarf einer angepassten Definition, einer neuen Entscheidungsgrundlage für unsere Urteile.

Dass hier bereits ein Wandel stattfindet, hat eine Umfrage in meinem Bekanntenkreis gezeigt. Die Frage: Was ist für dich schön? Ein Auszug der Antworten: Ein gutes Herz, mit sich selbst und seinem Umfeld im Reinen sein, Empathie; Charisma gepaart mit einem offenen/liebevollen Herzen, das sieht man den Menschen an. Oder: Selbstbewusstsein und Körperhaltung. Das lässt vermuten, in welche Richtung es gehen muss: hin zu einem Schönheitsbegriff, der immer weniger mit Ästhetik zu tun hat und immer mehr mit Individualität. Schön ist, bei sich selbst zu sein. Das fordert uns heraus, eine Unbekannte für schön zu erklären, von Menschen grundsätzlich einmal das Beste anzunehmen. Und von uns selbst.

Damit komme ich wieder zum Anfang und dem Konflikt, in dem ich mit dem Begriff Schönheit stehe. Denn oft ist die Härte, mit der wir unsere eigene Schönheit beurteilen, ganz schön unschön – vor allem wenn es zum Vergleich kommt. Wir predigen, wie schön besonders Makel machen, solange es nicht um die eigenen geht. Wir sind überzeugt, dass die Spuren der Zeit an Körpern wunderschöne Geschichten erzählen können, aber nicht an unseren. Wir nehmen unsere optische Hülle, mit der wir mit dem Außen kommunizieren, so wichtig, dass wir die Auseinandersetzung mit dem Innen immer weiter vertagen – und machen uns abhängig vom Ausgang fortwährender Vergleichsprozesse oder kollektiven Urteilen aka Durchschnittswerten. Wir sind so gut darin, die Schönheit anderer aufzuspüren, dass wir die eigene übersehen. Wir selbst sind unsere härtesten Kritiker:innen.

Meine Lieblingszeile aus Nikita Gills Gedicht lautet: I weigh all the pain and trauma that made me see that I have more galaxies inside me than tragedies. Ich wünsche mir, dass wir alle besser darin werden, liebevoller mit uns zu sein, vor allem wenn es darum geht, über uns selbst zu urteilen. Dass wir unsere eigene Geschichte feiern, weil sie uns zu dem macht, was wir sind. Dass wir von der Oberfläche in die Tiefe gehen – „let’s look beyond the skin“. Dass wir die wahre Schönheit in unseren Gesichtern erkennen, weil sie der Ort sind, an dem wir unsere Identität nach außen kehren; der Ort, wo unsere Geschichten, wo Liebe, Wut und Schmerz geschrieben stehen. Und, dass wir unseren Körpern dafür danken, dass sie uns, wie es die Autorin Laura Gehlhaar beschreibt, „überall dort hinbringen, wo wir unser persönliches Glück vermuten“ – statt sie ständig optimieren zu wollen. 

Interesseloses Wohlgefallen am eigenen Körper also, nach Kant. Ohne Vergleich. Ich bin nicht so schön wie du, ich bin so schön wie ich.

Dieses Quartal steht für uns unter dem Titel „Let’s look beyond the skin“. Dabei geht es um eine tiefgreifende und umfassende Auseinandersetzung mit unserem Körper und unserer Gesundheit; darum, Mythen zu hinterfragen und mit Tabus zu brechen; darum selbstbestimmt Entscheidungen über unseren Körper treffen zu dürfen. Wir schreiben über die Doppelbelastung zwischen Familie und Job, über den Abortion Ban in den USA und über Menstruation sowie Mental Health. Mit dem Ziel, die weibliche Perspektive zum Standard zu machen.

Lisa Hollogschwandtner ist eine in Wien lebende und arbeitende Journalistin. Ursprünglich im Modejournalismus beheimatet und mit einem Background in der Wirtschaftspsychologie ist es der 25-Jährigen ein Anliegen Themen ganzheitlich zu betrachten, Gelerntes neu zu denken – und der weiblichen Perspektive Raum zu geben. 

Essay

Text: Lisa Hollogschwandnter

Juli 2022

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