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How to be a better Ally

Pride-Monat. International Women’s Day. Black History Month. Fast jede marginalisierte Gruppe hat ihren eigenen Tag oder ihren eigenen Monat. Aber ist das genug? Was bedeutet es, ein richtiger Ally zu sein? Und was sind die No-Gos? Ein persönliches Essay von Philipp Josef Rossmann.

Es ist fast so, als drehten wir uns im Kreis. Jedes Jahr bekommen die prominentesten Minderheiten “ihren” Monat, der die jeweiligen Struggles zentriert und dazu aufruft, mehr zu tun, um die Situation zu verbessern. Im Februar sind es Schwarze People of Color, deren schmerzhafte Geschichte im sogenannten Black History Month immer wieder aufs Neue ausgerollt wird. Jedes Jahr mit zahlreichen Stimmen, die ganz schockiert deklarieren: “OMG, das hab ich gar nicht gewusst!” Im März sind es dann Frauen*, die seit einigen Jahren betonen, dass der International Women’s Day eigentlich kein Grund zur Freude ist. Dieser Tag sollte vielmehr in den internationalen feministischen Kampftag umbenannt werden, weil: Newsflash – Frauen* sind noch immer fucking marginalisiert. Und der Juni ist, wie man durch die Explosion an Regenbogenflaggen nur unschwer erkennen kann, Pride-Monat. Eine Zeit, in der die Gesellschaft sich angeblich mit LGBTQIA+-Personen solidarisiert und für mehr “Toleranz” plädiert. Jedes Jahr wird in diesen Perioden viel geredet und nichts unternommen. Als Mitglied der LGBTQIA+-Community muss ich euch leider eines sagen: “Baby, talk is cheap!”

It’s time to burst that bubble.

Wenn wir uns weiterhin auf Social Media “solidarisieren” und symbolische Messages an unsere Followers senden, bewirkt das in der echten Welt wenig bis absolut gar nichts – unsere Social Media Accounts befinden sich nämlich selbst in einer Bubble.  Auch durch hitzige Diskussionen in den Kommentaren des Standards oder am Instagram-Account der ZiB wurde – ich traue mich das jetzt einfach so zu behaupten – noch keine einzige Meinung wirklich geändert. Für performative Solidarität läuft uns die Zeit davon. Es ist 2022 und wir bewegen uns seit Ausbruch der Pandemie spürbar rückwärts.

Wer wirklich ein Ally sein möchte, sollte sich schleunigst an die Arbeit machen. Your insta stories just aren’t cutting it anymore! Wahre Allyship umfasst nämlich weit mehr, als selbst nicht Teil der Unterdrückung zu sein. Nur weil man keine rassistischen Aussagen tätigt, nicht frauenfeindlich agiert oder nicht homophob ist, ist man noch längst nicht Teil der Lösung. Männer, die in der Gegenwart von frauenfeindlichen Aussagen den Mund halten, sind Teil des Problems. Weiße Menschen, die bei Rassismus nicht kontern und wegschauen, sind Teil des Problems. Cis-hetero Menschen, die queerfeindliches Gedankengut nicht nicht anfechten, sind Teil des Problems. Da gibt es keinen Verhandlungsspielraum. Wenn sich diese Wahrheit für euch unangenehm anfühlt, habt ihr zu lange in eurer kuscheligen Bubble gelebt. Plop! Das ist das Geräusch eurer geplatzten Blase. Welcome to the real world!

Fuck your tolerance.

Ich muss euch ganz ehrlich sagen: Auf eure Toleranz kann ich verzichten. Sich als „tolerant“ zu bezeichnen, bedeutet nämlich, dass man kein Ally ist. Nicht einmal annähernd. Es steht niemandem zu, andere zu “tolerieren”. Das Wort allein setzt eine Vormachtstellung voraus, die impliziert, andere “tolerieren” zu können. Was Minderheiten brauchen – nein, was Minderheiten verdienen – ist Respekt. R-E-S-P-E-C-T, wie schon Aretha so einschlägig sang. Es ist Zeit, dass das endlich im Sprachgebrauch ankommt und sich in Handlungen niederschlägt. Wir befinden uns an einem Punkt, wo ignorante Passivität keine Option mehr ist. Entweder man kämpft aktiv mit, oder man ist auf der Seite der Unterdrücker. Über den Kurs der Geschichte hat Stille den Fortschritt bloß verlangsamt. Steht also auf und unternehmt etwas. Die gute Nachricht: Es ist nie zu spät, es besser zu machen.

So you wanna be my ally?

Wenn du es bis hierher geschafft hast, bist du offensichtlich interessiert und bereit, zuzuhören und etwas zu verändern. Super, danke dir dafür. Damit hast du bereits den ersten Schritt zu besserer Allyship gemacht. Hier ist eine 5-teilige Anleitung, wie du es in Zukunft besser machen kannst.

1. Listen and learn

Hör zu, wenn Mitglieder marginalisierter Gruppen dich über eine Situation aufklären. Triff keine Annahmen und sei bereit, neue Information aufzunehmen und gelernte Muster zu verlernen. Die Dinge ändern sich und auch wir lernen dauernd dazu.

2. Educate yourself

Warte aber nicht bloß darauf, bis dir betroffene Personen etwas erklären. Ergreif auch auf eigene Faust die Initiative, dich zu informieren. Das Internet ist voll von hilfreichen Ressourcen, die dich über alle Ismen und Feindlichkeiten aufklären. Wende dich in erster Instanz an diese Hilfsmittel und nicht direkt an Betroffene in deinem Bekanntenkreis. Es ist nicht ihre Aufgabe, dich zu informieren, sondern deine eigene.

3. Check your privilege

Es ist nicht immer leicht, sich mit seinen eigenen Privilegien auseinanderzusetzen aber glaub mir: Du hast sie. Wir alle haben sie. Du bist an Stellen bevorzugt, an denen andere benachteiligt sind. Und das ist okay! Niemand verlangt, dass du deine Privilegien ablegst (das ist in vielen Fällen auch gar nicht möglich). Und niemand verurteilt dich dafür. Aber sei dir deiner Privilegien bewusst. Es hilft niemandem, wenn du so tust, als wären wir alle im selben Boot. Erkenne deine Privilegien an – dann kannst du dich auch besser in die Situation anderer hineinversetzen und sie wirklich verstehen.

4. Speak up

Wenn du in der Gegenwart jeglicher Art von Feindlichkeit oder Diskriminierung bist, schreite ein und sag etwas (sofern deine eigene Sicherheit nicht darunter leidet). Ob es in der Familie, deinem Freundeskreis, am Arbeitsplatz oder in der Öffentlichkeit ist, schau nicht weg und mach den Leuten klar, dass diese Art von Gedankengut nicht tolerabel ist, auch wenn du die einzige Person in dieser Situation bist, die diesen Standpunkt vertritt. Oft werden solche Aussagen gänzlich unreflektiert getätigt, und sie zu tolerieren, bedeutet sie gut zu heißen. So wird diese Art von hassbasierter Ansichten salonfähig gemacht – wodurch sie sich nur weiter verbreiten. Wir müssen Diskriminierung im Keim ersticken und den Leuten klar machen, dass dieses Gedankengut im 21. Jahrhundert nichts zu suchen hat.

5. Know your place and do the work

Versteh mich nicht falsch: Ich liebe meine Allies und freue mich auch, wenn wir uns alle gleichberechtigt in Shared Spaces befinden. Das bedeutet aber nicht, dass jeder Safe Space für dich zugänglich sein sollte. Als queere nicht-binäre Person bringt mein Blut nichts mehr zum Kochen, als wenn ich halbnackte betrunkene Cis-Heteros auf der Pride beim Feiern sehe, während zwei Kilometer weiter eine rechtsradikale Demo gegen die LGBTQIA+-Community stattfindet. Es sollte nicht ständig unsere Aufgabe sein, uns selbst zu verteidigen, während ihr auf unseren Parties feiert. Als weiße Person liegt es auch an mir, anti-rassistische Arbeit zu leisten. Ebenso sollten Cis-Heteros gegen queerfeindlichen Extremismus ankämpfen und Cis-Männer die Rechte von Frauen* verteidigen. Allyship bedeutet nicht bloß Spaß und Solidarität, wenn’s grad schön ist. Allyship is work and it’s time we all got to it!

In the end, we’re better together.

Man kann nicht erwarten, dass jede:r beim ersten Anlauf alles richtig macht. Wir wachsen in einer heteronormativen, binären Welt auf, in der weiße Haut der Standard ist und das Patriarchat regiert. Das hinterlässt bei uns allen Spuren. Es dauert schließlich ein Leben lang, die negativen Muster seiner Kindheit zu verlernen. Jeder Schritt nach vorne ist ein Schritt in die richtige Richtung. Es ist okay, Fehler zu machen, solange man bereit ist, sie zu korrigieren. Wir müssen aufhören, perfekt sein zu wollen, um besser werden zu können. Die Tatsache ist nämlich: Wir alle haben Vorurteile. Das bedeutet nicht, dass wir inhärent schlechte Menschen sind – wir sind einfach menschlich. Was wir brauchen, ist die Bereitschaft, uns unseren eigenen Ismen zu stellen, zu hinterfragen, woher sie kommen und daran zu arbeiten, sie zu dekonstruieren. Es liegt glaube ich einfach in unserer Natur, defensiv zu reagieren, wenn wir auf unsere Fehler hingewiesen werden. Aber lasst das einen Wegweiser für die Zukunft sein: Stellen wir uns unseren Fehlern und verpflichten wir uns dazu, sie zu korrigieren. Verbannen wir den Satz: “Nein, so hab ich das gar nicht gemeint!” aus unserem Wortschatz und ersetzen ihn durch: “Du hast Recht, das tut mir leid, ich werde daran arbeiten.” Wir fühlen uns schließlich alle gern verstanden. Das erreichen wir leichter, wenn wir endlich zuhören und nicht ständig aneinander vorbeireden. Wenn du’s bis hierher geschafft hast, danke ich dir für deinen Einsatz – und für deine Bereitschaft zuzuhören. Was für ein Anfang. Danke, dass du mein Ally sein willst.

Philipp Josef Rossmann ist freier Journalist und Autor in Wien. Phils Arbeit setzt sich mit Gender und dessen Grenzen auseinander und zielt darauf ab, patriachalische Strukturen aufzulösen.

Essay

Text: Philipp Josef Rossmann

Juni 2022

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