Interview x Vera Steinhäuser X Interview x Vera Steinhäuser X Interview x Vera Steinhäuser X Interview x Vera Steinhäuser X Interview x Vera Steinhäuser X Interview x Vera Steinhäuser X Interview x Vera Steinhäuser X Interview x Vera Steinhäuser X

Geteilte Zeit. Doppelte Verantwortung.

Ursprünglich kommt sie aus der Werbebranche und war im Jahr 2000 eine der ersten, die sich dem Thema „Digitale Kommunikation“ widmete. Parallel unterrichtete Vera Steinhäuser unter anderem an der FH St. Pölten, der Johannes Kepler Universität, dem WIFI Wien und Kärnten und der Werbeakademie. Seit 2014 ist sie selbständig und mit ihrer Agentur Sie&Ich (www.sieundich.us) auf Strategische Kommunikationsberatung ausgerichtet. Als zertifizierte Business Coachin betreut sie nun Unternehmen und individuelle Persönlichkeiten in Deutschland und Österreich und dem Rest von Europa und bietet Einzelcoachings – mit dem Schwerpunkt Empowerment und Female Leadership an. Im Commonground-Interview sprach Vera über die Doppelverantwortung Familie und Beruf, Teilzeit und den Mythos „Multitasking“. 

Commonground: „Geteilte Zeit – doppelte Verantwortung“, das ist ein Umstand, der dir als Mama eines bald 10-jährigen Sohnes auch geläufig sein dürfte. Wie hat sich dein Arbeitsalltag als Mutter verändert?

Vera Steinhäuser: „Das war eine massive Veränderung, allein schon deshalb, weil ich vor der Geburt meines Sohnes Angestellte war. Nach der Babypause habe ich mich dann dazu entschlossen, mich selbstständig zu machen. Die Entscheidung war ganz sicher auch davon geprägt, als Mama eine gewisse organisatorische Freiheit haben zu wollen. Meine Arbeit hatte für mich schon immer einen hohen Stellenwert – das hat sich nach wie vor nicht geändert. Dennoch ist mir Balance sehr wichtig. Meine eigene Chefin zu sein gibt mir die Möglichkeit, meinen Rhythmus selbst zu bestimmen und gewisse Zeiten einfach für mich und meinen Sohn zu reservieren. Die Stunden zwischen Abendessen und Einschlafen  zum Beispiel gehören jeden Tag nur uns – das wird auch noch so sein, wenn er 18 ist – sofern er mich lässt (lacht).“

Commonground: „Viele Frauen*, für die eine Selbständigkeit keine Option ist, entscheiden sich im Sinne der „besseren Vereinbarkeit“ dafür, im Job Stunden zu reduzieren. Die weibliche Teilzeitquote ist fast fünfmal so hoch, wie die der Männer. Im EU-Vergleich liegt Österreich auf Platz 3. Was sind deine Gedanken dazu?“

Vera Steinhäuser: „Vorneweg ist es mir wichtig zu sagen, dass ich nicht denke, dass man eine Selbstständigkeit wirklich mit einer Teilzeitstelle vergleichen kann, denn in einem Angestelltenverhältnis hat man immer die Erwartungen von Außen – und die werden meist auch nicht proportional zur Arbeitszeit von 40 auf 30 Stunden reduziert. Daher ist die Belastung in einer Teilzeitstelle vielleicht fast noch größer, weil man denselben Ansprüchen in weniger Zeit genügen möchte. Dazu kommt dann noch das schlechte Gewissen, das man immer dort hat, wo man gerade nicht ist – der Familie gegenüber wenn man in der Arbeit ist und umgekehrt. Das bedeutet nicht, dass ich als Selbstständige nicht auch mit einem gewissen Leistungsdruck konfrontiert bin – aber ich definiere meine Ziele und treffe meine Entscheidungen selbst. Das gibt mir eine andere, nämlich innere Freiheit.

Zurück zu deiner Frage: In Österreich ist das Kinderthema nach wie vor Frauensache. Die unbezahlte Arbeit während der Corona-Pandemie entsprach 44 % der österreichischen Wirtschaftsleistung – und der Großteil der unbezahlten Care-Arbeit wurde von Frauen* geleistet. Das passiert ganz natürlich, weil es unser gesellschaftliches Bild vorgibt – damit ist es auch wenig verwunderlich, dass es tendenziell Frauen* sind, die sich für Teilzeitoptionen entscheiden. Die Nachteile für die Betroffenen in puncto Pensionsvorsorge, aber auch bei Krankheit und Arbeitslosigkeit sind weitreichend.“

Commonground: „Gerade die von dir angesprochenen Gewissensbisse und das Gefühl der Zerrissenheit lassen die Doppelverantwortung häufig zu einer Doppelbelastung werden. Welche Erfahrungen kannst du aus deiner Coachingtätigkeit hier mit uns teilen?“

Vera Steinhäuser: „Wenn aus Verantwortung Belastung wird, liegt das aus meiner Sicht entweder an externen oder an internen Faktoren – im schlechtesten Fall an einer Kombination aus beidem. Extern ist es natürlich das Gefühl alleine gelassen zu werden und der gesellschaftliche Druck, viel häufiger sind es aber eigene, sprich intern lokalisierte Ansprüche, die einen großen Konflikt auslösen. Hier ermutige ich meine Coachees sich die eigenen Denkmuster ganz bewusst vor Augen zu führen, zu hinterfragen woher diese kommen und sich dann gegebenenfalls der Aufgabe zu stellen, sie aufzulösen. In diesem Kontext ist Unconscious Bias ein wichtiger Begriff, denn sehr häufig sind wir uns den Rollen, in denen wir stecken, gar nicht bewusst!“

Commonground: „Die Corona-Pandemie hat in vielen Bereichen als (positiver) Katalysator gewirkt. Wenn es um das Thema Rollenverteilung geht, haben uns die letzten Jahre aber auch vor Augen geführt, wie sehr wir in Österreich das „klassische“ Familienbild – Stichwort die Frau* bleibt zu Hause – leben…“

Vera Steinhäuser: „Das ist richtig. Ein positiver Effekt der Pandemie war natürlich, dass viele männliche Elternteile gesehen haben, wie viel Zeit tatsächlich für die Kinderbetreuung und den Haushalt aufgewendet werden muss. Die aktuellen Zahlen zeigen aber, dass dadurch noch lange kein Wandel in der Rollenverteilung angestoßen wurde. Care-Arbeit ist nach wie vor Frauensache – da ist es wenig verwunderlich, dass so viele Frauen* in der Teilzeitfalle hängen.“

Commonground: „Was muss passieren, um eine nachhaltige Veränderung herbeizuführen?“

Vera Steinhäuser: „Strukturell wahnsinnig viel. Unsere Gesellschaft muss sich von dem Glaubenssatz verabschieden, dass das Kind automatisch und ausschließlich zur Frau* gehört – sondern eben auch – und in gleichem Ausmaß – zum Vater. Die Tatsache, dass immer mehr Väter in Vaterschaftskarenz gehen, zeigt, dass wir auf einem richtigen Weg sind – aber es braucht viel mehr, um wahre Gleichberechtigung und Gleichstellung zu erreichen. Die Definition einer „guten Mutter“ ist ein sehr schmaler Grad – und solange das so ist, sind wir noch meilenweit vom Ziel entfernt. Um diese Denkmuster aufzulösen, braucht es sehr viel Selbstreflexion und Inner Work – von jeder und jedem für sich, aber auch als Gesellschaft. Auf dieses Ziel hinzuarbeiten lohnt sich aber in jedem Fall: Ich bin überzeugt, dass unsere Welt eine bessere wird, wenn Frauen* in jeder Hinsicht, in allen relevanten Bereichen unserer Gesellschaft und in globalem Ausmaß gleichberechtigt sind.“

Commonground: „Last but not least möchte ich mit dir noch einen Mythos klären, nämlich „Frauen* sind so super im Multitasking“. Stimmt das?“

Vera Steinhäuser: „Zunächst das Positive: Das ist ja ein Mythos, mit dem wir Frauen* ausnahmsweise einmal vermeintlich gut aussteigen. Psychologisch betrachtet muss ich aber direkt damit brechen – den genderunabhängig gibt es Multitasking im eigentlichen Sinn ja nirgendwo. Klar, das bedeutet nicht, dass Frauen* sich nicht dennoch in der Situation wiederfinden, gleichzeitig das Meeting für den Folgetag timen, das Familienabendessen kochen und mit dem Junior die Hausaufgaben machen zu müssen – ob das von der Qualität wirklich dem Anspruch der ausführenden Person entspricht, geschweige denn für sie angenehm ist, wage ich zu bezweifeln.“

Ich unterstelle unserer patriarchalen Gesellschaft da eine böse Absicht, wenn sie uns so etwas einredet – nämlich uns dazu bringen zu wollen, all diese Aufgaben einfach ganz unreflektiert weiter zu übernehmen, unabhängig davon, wie es uns damit geht. Es ist wichtig, dass wir Frauen* individuell und kollektiv beginnen zu hinterfragen, ob wir uns dieses Märchen weiter auftischen lassen möchten, oder endlich beginnen Nein zu sagen.“

Lisa Hollogschwandtner ist eine in Wien lebende und arbeitende Journalistin. Ursprünglich im Modejournalismus beheimatet und mit einem Background in der Wirtschaftspsychologie ist es der 25-Jährigen ein Anliegen Themen ganzheitlich zu betrachten, Gelerntes neu zu denken – und der weiblichen Perspektive Raum zu geben. 

Essay

Text: Lisa Hollogschwandnter

Juli 2022

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