Nadine Schratzberger x Montreet X Nadine Schratzberger x Montreet X Nadine Schratzberger x Montreet X Nadine Schratzberger x Montreet X Nadine Schratzberger x Montreet X Nadine Schratzberger x Montreet X Nadine Schratzberger x Montreet X Nadine Schratzberger x Montreet X

Der Kreislauf zwischen Berg und Straße

Outdoor-Mode neu gedacht: Laufhosen als einzigartige Kunstwerke, Wanderjacken zum Ausleihen, Unisex-Leggins aus Rizinusöl. Montreet heißt das Modelabel, in dem die Wienerin Nadine Schratzberger etwas andere Mode für draußen macht. Commonground erzählt seine nachhaltige, kreislauffähige Geschichte.

Der Bleistift gleitet übers Papier. Die feinen Linien lassen erkennen, dass es ein Pullover wird. Ein erster Umriss. „Form follows function“ ist das Credo der Designerin Nadine. Es soll nicht einfach ein Hoodie werden, sondern ein Kleidungsstück, dass einen im Alltag unterstützt. Egal, ob man in der Natur unterwegs ist oder zu Hause auf der Couch liegt. „Unsere Sachen kann man echt für alles tragen. Deshalb machen wir gerade ein Rebranding, weg vom Sport hin zur Outdoor-Mode, damit wir nicht mehr in eine Kategorie geschoben werden. Mit unserer Kletterjacke kann ich zum Beispiel auch Fliegenfischen gehen.“

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Nadine gründete 2018 ihr Unternehmen Montreet. Das Wort setzt sich aus „Montagne“ (franz.: Berg) und „Street“ zusammen. Die Motivation für die Gründung gaben ihr die Lektor:innen an der Modeschule in München mit. „Wir haben das richtig in unsere Köpfe einmassiert bekommen, dass man sich mit seinem eigenen Modelabel irgendwann selbständig machen muss.“ Neben dem Mindset hat sie dort auch ihre Ausrichtung auf die Sportmode entwickelt. Nadine wollte sich als einzige Österreicherin behaupten, und was passt besser zu ihrem Heimatland als Sport. Für sie war klar, dass sie sportliche Mode machen wollte. Ihr Fokus lag weniger darauf, dass etwas super schön und stylisch aussieht, viel mehr sollten die Sachen einen Mehrwert haben.“

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Das macht Nadine auch mit ihrem Hoodie-Entwurf deutlich. Nach der analogen Skizze folgt die digitale. Am Computer braucht es Detailarbeit. Luftlöcher unter den Armen, eine Tasche mit Reißverschluss im Bauchbereich für Wertsachen, das Montreet-Logo kommt direkt darunter. „Je genauer die technische Zeichnung, desto besser kann die Produktionsfirma den ersten Prototyp herstellen“, sagt Nadine aus Erfahrung.

Der Weg zur selbstständigen Designerin führte über einige Freelancer-Jobs. Nach ihrem Studium in München arbeitete Nadine Schratzberger für einige große Sportmarken. „Die nehmen sich gerne Freelancer, um neue Vibes in ihre Kollektionen zu bringen“, erzählt sie. In London am Central Saint Martins  Modekolleg spezialisierte sie sich endgültig auf die Sport- und Outdoorwelt. Dort lernte sie die technische Komponente, die sie gerade bei ihrem Hoodie umsetzt.

Im nächsten Schritt muss die Designerin entscheiden, welches Material für das neue Kleidungsstück passt. Für einen Pullover eignet sich der recycelte Plastikmüll nicht, der für die Leggins und T-Shirts von Montreet verwendet wird, sonst rinnt der Schweiß. Stattdessen wird es Bio-Baumwolle verwoben mit Hanf, das ist angenehmer auf der Haut. „Unsere Kund:innen wollen auch immer mehr natürliche Stoffe haben, statt recycelten Fischernetzen und Plastikflaschen“, erzählt Nadine. Die jüngste Innovation ist Material aus Rizinusöl, das ist ein natürlicher Rohstoff und wird in der neuen Leggins-Kollektion verwendet. Als Designerin muss man viel auf Mode-Messen unterwegs sein und ein gutes Netzwerk aufbauen, um solche Neuerungen zu bekommen. „Ich hatte dafür am Anfang eine Agentur, mittlerweile mach ich das selber.“ Die passenden Stoffmuster, sogenannte Swatches, dienen dann der Produktionsfirma als Vorlage.

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Bei den Farben für den neuen Hoodie bleibt Nadine schlicht, bei Grau und Schwarz. „Weil wir nachhaltig produzieren, muss ich danach gehen, welche Farbpalette die Hersteller:innen haben. Ein Färbeprozess wäre wenig ökologisch.“ Nachdem der technische Entwurf, die Stoff- und Farbauswahl getroffen sind, produziert die Herstellerfirma einen ersten Prototyp des Entwurfs, in dem Fall des Hoodies. Meist gibt es sehr viel daran auszusetzen, deshalb braucht es oft zwei oder drei Feedbackschleifen, bis das neue Teil in die finale Produktion gehen kann.

Im letzten Schritt muss Nadine noch eine Größentabelle festlegen. Bei einem Unisex-Hoodie gar nicht so einfach. „XS bis Medium tragen meist die weiblichen Kundinnen, ab Medium muss auch ein Mann reinpassen“, sagt die Designerin.

Bei Montreet ist Gleichberechtigung ein Grundsatz. Mit dem Nachsatz: Solange Frauen* nicht in allen Lebensbereichen gleichgestellt sind, werden wir sie in unserer Kommunikation in den Vordergrund stellen. So steht es auf der Webseite des Unternehmens geschrieben. „Bei uns ist das weibliche Geschlecht ziemlich präsent, da müssen wir eher schauen, dass die Männer nicht untergehen“, sagt Nadine und lacht. Bei Montreet gab und gibt es, bis auf drei männliche Freelancer, nur Frauen im Team. Aus ihrer Erfahrung kann es in manchen Situationen aber gut sein, einmal einen älteren Mann vorzuschicken, der an vorderster Front arbeitet. „Ich finde, man kann die Stärken jedes Einzelnen einsetzen, wie man möchte.“ Keine Diskriminierung, sondern taktisches Vorgehen also. Ihr Geschäftspartner haut halt dann auch einmal auf den Tisch, wenn etwas nicht funktioniert. „Das ist schon gut. Ich persönlich fühle mich zwar in meiner Bubble absolut nicht benachteiligt, aber in der Außenwelt ist noch einiges zu tun. Und zwar so lange, bis ich nicht mehr in den Nachrichten höre, dass die CEOs von C&A, natürlich nur alte, weiße Männer, am Weltfrauentag auf die Frauen anstoßen.“

„Solange Frauen* nicht in allen Lebensbereichen gleichgestellt sind, werden wir sie in unserer Kommunikation in den Vordergrund stellen.“

Gerade in der Modebranche ist der Gender-Gap extrem zu sehen. Die Modeschulen sind fast nur mit Frauen gefüllt, aber an der Spitze der großen Modehäuser stehen Männer. Die meisten Designer sind Männer. Bei den Outdoor-Labels stehen Männer an der Spitze. „Das ist schon merkwürdig“, sagt Nadine. „Ich habe in Paris einen Junior Designer von Chanel getroffen, der zu meiner Freundin und mir gesagt hat, wir müssen auf unsere Körper hören, weil die Mode macht einen total kaputt. Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Vielleicht steigen deshalb so viele Frauen aus.“

Für die Gründerin ist Sport deshalb ein essenzieller Ausgleich. Vom Klettern bis zum Skifahren macht sie alles. „Die Leute glauben immer, designen ist so lieb, mit einem Bleistift in der Hand, aber es ist wirklich anstrengend.“ Spaß hat die Wienerin trotzdem mit ihrem Modelabel und auch eine klare Vision. Montreet soll ein etabliertes Outdoor-Modelabel werden, das Arbeitsplätze schafft und stetig, organisch wächst. Stichwort: Slow-Fashion.

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Für ihr Ziel arbeitet Nadine mit unterschiedlichen Business-Modellen. Für eine richtige Kreislaufwirtschaft bietet sie ein Ausleihservice für Jacken an und repariert alle Montreet-Kleidungsstücke, die kaputt gehen. „Entweder machen wir daraus neue Teile oder flicken die Sachen wieder zusammen. Aber meistens wollen die Leute, dass wir sie reparieren, weil sie so daran hängen.“ Das spart Unmengen an CO2, hat also einen Sinn. Statt sich eine teure Outdoor-Jacke zu kaufen, die dann nur im Schrank hängt, leiht man sie sich lieber aus. Natürlich werden die verliehenen Stücke dann auch wieder nachhaltig gereinigt. Und was kaputt ist, wird in ein neues Montreet-Stück verwandelt.

Zusätzlich fördert und arbeitet Nadine mit österreichischen Künstler:innen zusammen. „Um sich als Start-up abzuheben, wollte ich etwas Spezielles auf den Markt bringen. Und da viele gerne einzigartig sind und sich mit ihrer Mode abheben wollen, kam die Idee der Artist Kollektion.“ Begonnen hat das Projekt mit Boicut, gefolgt von Carmen Tung und Frau Isa. Die jüngste Kollektion für die Rizinusleggins wurde von Nadine von Guckschatz entworfen. Die Unikate kommen super an. „Wir haben viele Leute, die uns erzählen, dass sie auf der Straße angesprochen werden und Komplimente bekommen.“

„Mein Ziel ist, dass ich eine Capsule Wardrobe habe, also dass man sich von Kopf bis Fuß in Montreet einkleiden kann.“

Mit Montreet ist Nadine Schratzberger also auf dem besten Weg, sich einen Namen zu machen, wie sie es sich wünscht. „Mein Ziel ist, dass ich eine Capsule Wardrobe habe, also dass man sich von Kopf bis Fuß mit Montreet einkleiden kann. Ich möchte organisch wachsen, bis wir ein etabliertes Outdoor-Modelabel sind, zu dem man hingeht, wenn man etwas für sein nächstes Abenteuer braucht“, sagt die Unternehmerin, die sich viel mehr als Lebenskünstlerin sieht.

Und auch unser Hoodie ist mittlerweile an seinem Ziel angelangt. Unter dem Namen Naturo kann er im Online-Shop bestellt werden. Auf Vorbestellung, weil auch hier Nachhaltigkeit im Vordergrund steht. Es wird nur so viel produziert, wie angefragt ist.

Feature

Nadine Schratzberger

montreet.net

Text: Lauren Seywald

Fotos: Patricia Weisskirchner

Juli 2021